6h-DNF
Amelinghausen, da wo die Runden noch
liebevoll von Hand protokolliert werden - ein 6-Stunden-Lauf der DUV
Cupwertung 2009 handmade by MTV Lauftreff Amelinghausen.
Wo zum Teufel liegt eigentlich Amelinghausen? Ich hatte den Eindruck, die Datenbank-Engine von Google maps ist kurzzeitig in die Knie gegangen,
nachdem ich den Ortsnamen auf der Webseite eingegeben habe, aber dann bekam
ich auf die Anfrage doch noch wohlwollend eine Antwort: Ein beschauliches
Örtchen, südlich von Hamburg und östlich von Bremen gelegen, so ca. 20 km
Landstraße sind von der Anschlussstelle Soltau-Ost (A7) noch zurückzulegen -
das bedeutet, gute 300 Autobahnkilometer von meiner Haustür entfernt. Die
Anmeldung zu dieser 6-Stunden-Laufveranstaltung hatte ich einige
Millisekunden später bereits auf der Webseite des Veranstalters ausgefüllt
und abgeschickt. Damit war die Sache so gut wie beschlossen und als
irreversibler Prozess zu betrachten.
Einige Tage später… Ich bin seit 7:00 Uhr in der Früh unterwegs und der
Wetterbericht für diesen Tag verheißt nichts Gutes. Es ist bedeckt und
regnerisch, während ich mich über die Autobahnen A1, A2, A352 and A7 - exakt
in der Reihenfolge – meinem Ziel unaufhaltsam nähere. Das Zeitfenster sollte
ausreichen, um ca. 1 Stunde vor dem Start im Zielgebiet aufzuschlagen. Just
in dem Moment, in dem ich die Autobahn verlasse, bekommt die Wolkendecke
plötzlich Risse und die Sonne zeigt sich wider erwartend. Ich befahre die
Bundesstraße B209 in Richtung Lüneburg und finde mich urplötzlich ich einer
malerische Heidelandschaft wieder. Die Straße wird auf beiden Seiten von
Bäumen gesäumt, durch deren Baumwipfel sich das Sonnenlicht seinen Weg
sucht. Licht und Schatten wechseln sich rhythmisch ab und so entsteht ein
Tunnel aus Licht und begrünten Zweigen. Die letzten Kilometer entwickeln
sich so zu den kurzweiligsten der gesamten Anfahrt. In Gedanken versunken
befinde ich mich bereits auf der Laufstrecke, gerade noch rechtzeitig beim
Passieren des Ortseingangsschildes von Amelinghausen erwache ich aus dieser
Tagträumerei. Ich steure instinktiv die nächstgelegene Tankstelle an, um mir
den Weg zu dem „roten Oval“ von Amelinghausen erklären zu lassen.
Normalerweise reagiert das Tankstellenpersonal nicht allzu freundlich, wenn
man nur eine Information einholen möchte und das Portemonnaie verschlossen
bleibt. Nicht so in Amelinghausen, hier scheint sich ein besonders
freundliches Völkchen niedergelassen zu haben. Der Weg ist schnell erklärt,
zwei Dinge muss ich mir nur merken – an der nächste Ampel rechts abbiegen,
an der Einmündung befinden sich eine Eisdiele und eine Dönerbude, dem
weiteren Straßenverlauf folgen.
Ich erblicke die Sportstätte und der Wagen kommt auf einem der reichlich
vorhandenen Parkplätze zur Ruhe. Ein eigenwilliges Gefühl steigt im mir auf,
es ist noch eine knappe Stunde bis Rennbeginn und ich zähle fünf Autos,
meines mit eingeschlossen. Spontan kommt der Verdacht in mir hoch, ich habe
mich mit dem Datum um einen Tag geirrt, der Lauf findet vermutlich erst
morgen statt. Ja, das ist die einzige plausible Erklärung zu diesem
Zeitpunkt. Ich suche nach meinem Kalender, um diese Befürchtung ausschließen
zu können. Gott sei Dank, hier steht es schwarz auf weiß, der Termin ist
korrekt. Aber was stimmt hier nicht? Als ich die Umkleidekabine betrete,
sind gerade mal vier Läufer mit den üblichen Startvorbereitungen
beschäftigt. Ich frage einen der Läufer, der sich gerade die Startnummer
befestigt, ob sich an der Startnummer auch ein Transponder zwecks
Rundenzählung befindet. Seine Antwort: Ein Transponder? Nein, ich glaube die
zählen hier von Hand, womit er Recht behalten sollte. Das Starterfeld
besteht insgesamt aus 17 Läuferinnen und Läufern, von denen 13 vorangemeldet
waren, also eine sehr übersichtliche Angelegenheit. Eine Platz in den Top-20
ist mir und allen anderen somit nicht mehr zu nehmen. Nach einer kurzen
Vorstellungsrunde der einzelnen Teilnehmer mache ich mich mit meinem
Rundenzähler bekannt, nicht das es da noch Verwechslungsprobleme gibt und
meine Runden werden einem anderen Läufer gutgeschrieben. Ich bin ein wenig
skeptisch, ob das mal alles so funktioniert und frage mich ernsthaft, was
der Veranstalter gemacht hätte, wenn sich im Zuge der Cup-Wertung noch
kurzfristig ein ganzer Schwall von Läufern um eine Nachmeldung bemüht hätte.
Aber am Zähltisch herrscht eine ausgelassene Stimmung und hier macht keiner
den Eindruck, als könne ihn irgendetwas aus der Ruhe bringen. Mein Respekt
vor dieser Gelassenheit wächst von Minute zu Minute.

Es wird von 10 runtergezählt und bin nicht sonderlich aufgeregt, halt wie
vor einem Trainingslauf, von Wettkampffieber keine Spur. Es geht los, die
nächsten sechs Stunden müssen mit gelaufenen Metern aufgefüllt werden. Ich
bin mit der Zielsetzung nach Amelinghausen gekommen, mich gegenüber meinem
Ergebnis von Stein (NL) zu verbessern. Das bedeutet, für die 400 m
Tartanrunde darf ich mir allerhöchstens zwei Minuten Zeit lassen. Alles ist
easy, die erste Stunde verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Allerdings
scheint mir bekleidungstechnisch der erste Fehler unterlaufen zu sein. Ich
komme mir vor wie eine Formel 1 Pilot, der bei schönem Wetter mit
Regenreifen unterwegs ist. Ich hatte mich auf Dauerregen und deutlich
niedrigere Temperaturen eingestellt, der Körper arbeitet nicht mit dem
optimalen Wirkungsgrad, das lässt sich bereits in dieser frühen Phase
erkennen.

Pete mit Schwierigkeiten und Roland - der
überlegen Führende
An zweiter Stelle liegend spule ich meine Runden ab. Der Führende läuft wie
entfesselt und überholt mich regelmäßig mit beeindruckender Tempohärte. Von
der ersten Runde an ließ er erkennen, wer hier der Chef im Oval ist. Durch
so etwas darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und ich laufe
diszipliniert mit knapp unter zwei Minuten pro Runde mein eigenes Tempo.
Nach drei Stunden kommt ein wenig Abwechslung ins Spiel, gemeint ist nicht
das Geschehen auf der Bahn, sondern der Beginn des Rahmenprogramms
anlässlich des 100-jährigen Vereinsbestehens des MTV Amelinghausen. Das
ganze Treiben erinnert mich irgendwie an die Festivitäten einer
amerikanischen Highschool, so wie man es aus dem Fernsehen kennt. Da
marschiert eine Blaskapelle auf und gibt ein Kostprobe ihres Könnens,
Cheerleader haben sich neben der Laufstrecke aufgereiht und bejubeln jeden
vorbeikommenden Läufer. Eine größere Gruppe von Senioren in Trachtenkleidung
sammelt sich für einen Auftritt.

Das Ganze rückt für jeweils knappe 20
Sekunden in den Mittelpunkt meiner Gedanken, dann entschwindet die Bühne
wieder meinem Blickfang, bis zur nächsten Runde. Zwischendurch setzt der
erste Regen ein und ich bekomme einen leichten Motivationsschub, da ich
jetzt in meiner Kompressionswäsche eine angenehme Abkühlung erfahre - von
mir aus kann es jetzt bis zum Ende durchregnen. Das Programm wird
unterbrochen und die Akteure des Rahmenprogramms tun mir nun doch leid, das
haben sie wirklich nicht verdient. Zum Glück ist der Regen nur von kurzer
Dauer und das Wetter wendet sich wieder zum Guten. Wahrscheinlich bin ich
die einzige Person im Stadion, die es gerne sehen würde, wenn es weiter
regnet. Die Marathondistanz ist bald erreicht und ich bekomme die ersten
Problemchen, unangenehme Seitenstiche schicken ihre Vorboten voraus.
Seitenstiche beim Laufen sind mir eigentlich unbekannt. Zugegeben, ich habe
die Flüssigkeitszufuhr nicht mit der Kontinuität verfolgt, wie ich dies
vielleicht hätte tun sollen. Aber das ist an dieser Stelle müßig, jetzt
Ursachenforschung zu betreiben. Die letzten Meter bis zur Marathondistanz
besitzen nicht mehr die erforderliche Leichtigkeit, wie dies nötig sein
müsste, um ein Kilometerleistung von 72 km abzuliefern. Der Marathon ist
geschafft, aber die nächste Stunde würde eine Entscheidung von mir
einfordern. Das Hinweisschild mit der 50-Kilometermarkierung, neben der
Innenbahn in den Boden gerammt, wird mir von Runde zu Runde sympathischer.
Es scheint, als sende es mir eine geheime Botschaft zu. Ich fange unbewusst
an, die verbleibenden Runden bis zum erreichen der 50 km Distanz zu zählen.
Eine Kettenreaktion von verschiedenen Überlegungen wird ausgelöst. Zu diesem
Zeitpunkt werde ich das erste mal von einem Läufer überholt, der nicht der
Führende ist. Die Moral sackt weiter ab, eine Spirale von nicht gerade
konstruktiven Gedanken fängt an sich zu drehen. Kann ich das Tempo noch zwei
Stunden halten? Ich glaube nicht, es ist vorbei. Wenn ich gleich Schluss
mache, dann bin ich gegen 21:00 Uhr wieder zuhause. Sollte ich weiter
laufen, wobei der Ausgang ungewiss ist, bin ich frühestens um Mitternacht
daheim. Die Entscheidung ist gefallen, ich nehme mich nach 50 Kilometern an
zweiter Stelle liegend selber aus dem Rennen. Man versucht noch, mich am
Zählertisch zum Weitermachen zu überreden, aber es ist zwecklos.

Normalerweise gibt es bei einem Stundenlauf kein DNF, aber wenn ich für mich
die strengen Kriterien anlege, dann habe ich den Lauf nicht anständig
beendet. Wer sich über 100 Minuten vor Ablauf der Zeit von einer solch
liebevoll organisierten Veranstaltung verabschiedet, der hat nichts anderes
verdient, außer den Titel DNF führen zu dürfen. Jetzt muss ich beweisen
inwieweit ich in der Lage bin, gestärkt aus einer persönlichen Niederlage
hervorzugehen. Der entscheidende Faktor für den Erfolg ist und bleibt einzig
und allein die Disziplin, den Gesundheitszustand mal außen vor gelassen.
Jede Nachlässigkeit, egal ob in der Zeit der Vorbereitung oder während eines
Wettkampfes, wird gnadenlos abgestraft. Mein Abgang war alles andere als
ehrenvoll und sportlich, schämen sollte ich mich dafür. Eine ordentliche
Verabschiedung und aufmunternde Worte für die tapferen Läuferinnen und
Läufer auf der Strecke wäre das Mindeste gewesen, was ich hätte tun können –
der Anstand hätte dies zumindest gefordert. Anstatt dessen habe ich mich
feige durch den Hintereingang verpisst und dem Frust freien Lauf gelassen.
Dem Veranstalter und den vielen freundlichen Helfern an der Strecke und
hinter den Kulissen möchte ich eines noch mitgeben. Lasst euch von der
geringen Resonanz, was die Anmeldezahl anbetrifft, nicht abschrecken. Ihr
habt eine wirklich tolle Veranstaltung durchgezogen, die es verdient hat,
fortgeführt zu werden. Ich komme gerne wieder, hier nach Amelinghausen – da
wo die Runden noch liebevoll von Hand gezählt werden.