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Story: © Pete(r) Haarmann

   

Veröffentlicht: 15.09.2009

     
Titel:  6h-DNF
Autor:  Pete(r) Haarmann
Datum:  15.09.2009
Fotos:  Copyright by http://www.mtv-lauftreff.de/
     

6h-DNF
Amelinghausen, da wo die Runden noch liebevoll von Hand protokolliert werden - ein 6-Stunden-Lauf der DUV Cupwertung 2009 handmade by MTV Lauftreff Amelinghausen.

Wo zum Teufel liegt eigentlich Amelinghausen? Ich hatte den Eindruck, die Datenbank-Engine von Google maps ist kurzzeitig in die Knie gegangen, nachdem ich den Ortsnamen auf der Webseite eingegeben habe, aber dann bekam ich auf die Anfrage doch noch wohlwollend eine Antwort: Ein beschauliches Örtchen, südlich von Hamburg und östlich von Bremen gelegen, so ca. 20 km Landstraße sind von der Anschlussstelle Soltau-Ost (A7) noch zurückzulegen - das bedeutet, gute 300 Autobahnkilometer von meiner Haustür entfernt. Die Anmeldung zu dieser 6-Stunden-Laufveranstaltung hatte ich einige Millisekunden später bereits auf der Webseite des Veranstalters ausgefüllt und abgeschickt. Damit war die Sache so gut wie beschlossen und als irreversibler Prozess zu betrachten.

Einige Tage später… Ich bin seit 7:00 Uhr in der Früh unterwegs und der Wetterbericht für diesen Tag verheißt nichts Gutes. Es ist bedeckt und regnerisch, während ich mich über die Autobahnen A1, A2, A352 and A7 - exakt in der Reihenfolge – meinem Ziel unaufhaltsam nähere. Das Zeitfenster sollte ausreichen, um ca. 1 Stunde vor dem Start im Zielgebiet aufzuschlagen. Just in dem Moment, in dem ich die Autobahn verlasse, bekommt die Wolkendecke plötzlich Risse und die Sonne zeigt sich wider erwartend. Ich befahre die Bundesstraße B209 in Richtung Lüneburg und finde mich urplötzlich ich einer malerische Heidelandschaft wieder. Die Straße wird auf beiden Seiten von Bäumen gesäumt, durch deren Baumwipfel sich das Sonnenlicht seinen Weg sucht. Licht und Schatten wechseln sich rhythmisch ab und so entsteht ein Tunnel aus Licht und begrünten Zweigen. Die letzten Kilometer entwickeln sich so zu den kurzweiligsten der gesamten Anfahrt. In Gedanken versunken befinde ich mich bereits auf der Laufstrecke, gerade noch rechtzeitig beim Passieren des Ortseingangsschildes von Amelinghausen erwache ich aus dieser Tagträumerei. Ich steure instinktiv die nächstgelegene Tankstelle an, um mir den Weg zu dem „roten Oval“ von Amelinghausen erklären zu lassen. Normalerweise reagiert das Tankstellenpersonal nicht allzu freundlich, wenn man nur eine Information einholen möchte und das Portemonnaie verschlossen bleibt. Nicht so in Amelinghausen, hier scheint sich ein besonders freundliches Völkchen niedergelassen zu haben. Der Weg ist schnell erklärt, zwei Dinge muss ich mir nur merken – an der nächste Ampel rechts abbiegen, an der Einmündung befinden sich eine Eisdiele und eine Dönerbude, dem weiteren Straßenverlauf folgen.

Ich erblicke die Sportstätte und der Wagen kommt auf einem der reichlich vorhandenen Parkplätze zur Ruhe. Ein eigenwilliges Gefühl steigt im mir auf, es ist noch eine knappe Stunde bis Rennbeginn und ich zähle fünf Autos, meines mit eingeschlossen. Spontan kommt der Verdacht in mir hoch, ich habe mich mit dem Datum um einen Tag geirrt, der Lauf findet vermutlich erst morgen statt. Ja, das ist die einzige plausible Erklärung zu diesem Zeitpunkt. Ich suche nach meinem Kalender, um diese Befürchtung ausschließen zu können. Gott sei Dank, hier steht es schwarz auf weiß, der Termin ist korrekt. Aber was stimmt hier nicht? Als ich die Umkleidekabine betrete, sind gerade mal vier Läufer mit den üblichen Startvorbereitungen beschäftigt. Ich frage einen der Läufer, der sich gerade die Startnummer befestigt, ob sich an der Startnummer auch ein Transponder zwecks Rundenzählung befindet. Seine Antwort: Ein Transponder? Nein, ich glaube die zählen hier von Hand, womit er Recht behalten sollte. Das Starterfeld besteht insgesamt aus 17 Läuferinnen und Läufern, von denen 13 vorangemeldet waren, also eine sehr übersichtliche Angelegenheit. Eine Platz in den Top-20 ist mir und allen anderen somit nicht mehr zu nehmen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde der einzelnen Teilnehmer mache ich mich mit meinem Rundenzähler bekannt, nicht das es da noch Verwechslungsprobleme gibt und meine Runden werden einem anderen Läufer gutgeschrieben. Ich bin ein wenig skeptisch, ob das mal alles so funktioniert und frage mich ernsthaft, was der Veranstalter gemacht hätte, wenn sich im Zuge der Cup-Wertung noch kurzfristig ein ganzer Schwall von Läufern um eine Nachmeldung bemüht hätte. Aber am Zähltisch herrscht eine ausgelassene Stimmung und hier macht keiner den Eindruck, als könne ihn irgendetwas aus der Ruhe bringen. Mein Respekt vor dieser Gelassenheit wächst von Minute zu Minute.

Es wird von 10 runtergezählt und bin nicht sonderlich aufgeregt, halt wie vor einem Trainingslauf, von Wettkampffieber keine Spur. Es geht los, die nächsten sechs Stunden müssen mit gelaufenen Metern aufgefüllt werden. Ich bin mit der Zielsetzung nach Amelinghausen gekommen, mich gegenüber meinem Ergebnis von Stein (NL) zu verbessern. Das bedeutet, für die 400 m Tartanrunde darf ich mir allerhöchstens zwei Minuten Zeit lassen. Alles ist easy, die erste Stunde verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Allerdings scheint mir bekleidungstechnisch der erste Fehler unterlaufen zu sein. Ich komme mir vor wie eine Formel 1 Pilot, der bei schönem Wetter mit Regenreifen unterwegs ist. Ich hatte mich auf Dauerregen und deutlich niedrigere Temperaturen eingestellt, der Körper arbeitet nicht mit dem optimalen Wirkungsgrad, das lässt sich bereits in dieser frühen Phase erkennen.

    
Pete mit Schwierigkeiten und Roland - der überlegen Führende

An zweiter Stelle liegend spule ich meine Runden ab. Der Führende läuft wie entfesselt und überholt mich regelmäßig mit beeindruckender Tempohärte. Von der ersten Runde an ließ er erkennen, wer hier der Chef im Oval ist. Durch so etwas darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und ich laufe diszipliniert mit knapp unter zwei Minuten pro Runde mein eigenes Tempo. Nach drei Stunden kommt ein wenig Abwechslung ins Spiel, gemeint ist nicht das Geschehen auf der Bahn, sondern der Beginn des Rahmenprogramms anlässlich des 100-jährigen Vereinsbestehens des MTV Amelinghausen. Das ganze Treiben erinnert mich irgendwie an die Festivitäten einer amerikanischen Highschool, so wie man es aus dem Fernsehen kennt. Da marschiert eine Blaskapelle auf und gibt ein Kostprobe ihres Könnens, Cheerleader haben sich neben der Laufstrecke aufgereiht und bejubeln jeden vorbeikommenden Läufer. Eine größere Gruppe von Senioren in Trachtenkleidung sammelt sich für einen Auftritt.

Das Ganze rückt für jeweils knappe 20 Sekunden in den Mittelpunkt meiner Gedanken, dann entschwindet die Bühne wieder meinem Blickfang, bis zur nächsten Runde. Zwischendurch setzt der erste Regen ein und ich bekomme einen leichten Motivationsschub, da ich jetzt in meiner Kompressionswäsche eine angenehme Abkühlung erfahre - von mir aus kann es jetzt bis zum Ende durchregnen. Das Programm wird unterbrochen und die Akteure des Rahmenprogramms tun mir nun doch leid, das haben sie wirklich nicht verdient. Zum Glück ist der Regen nur von kurzer Dauer und das Wetter wendet sich wieder zum Guten. Wahrscheinlich bin ich die einzige Person im Stadion, die es gerne sehen würde, wenn es weiter regnet. Die Marathondistanz ist bald erreicht und ich bekomme die ersten Problemchen, unangenehme Seitenstiche schicken ihre Vorboten voraus. Seitenstiche beim Laufen sind mir eigentlich unbekannt. Zugegeben, ich habe die Flüssigkeitszufuhr nicht mit der Kontinuität verfolgt, wie ich dies vielleicht hätte tun sollen. Aber das ist an dieser Stelle müßig, jetzt Ursachenforschung zu betreiben. Die letzten Meter bis zur Marathondistanz besitzen nicht mehr die erforderliche Leichtigkeit, wie dies nötig sein müsste, um ein Kilometerleistung von 72 km abzuliefern. Der Marathon ist geschafft, aber die nächste Stunde würde eine Entscheidung von mir einfordern. Das Hinweisschild mit der 50-Kilometermarkierung, neben der Innenbahn in den Boden gerammt, wird mir von Runde zu Runde sympathischer. Es scheint, als sende es mir eine geheime Botschaft zu. Ich fange unbewusst an, die verbleibenden Runden bis zum erreichen der 50 km Distanz zu zählen. Eine Kettenreaktion von verschiedenen Überlegungen wird ausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt werde ich das erste mal von einem Läufer überholt, der nicht der Führende ist. Die Moral sackt weiter ab, eine Spirale von nicht gerade konstruktiven Gedanken fängt an sich zu drehen. Kann ich das Tempo noch zwei Stunden halten? Ich glaube nicht, es ist vorbei. Wenn ich gleich Schluss mache, dann bin ich gegen 21:00 Uhr wieder zuhause. Sollte ich weiter laufen, wobei der Ausgang ungewiss ist, bin ich frühestens um Mitternacht daheim. Die Entscheidung ist gefallen, ich nehme mich nach 50 Kilometern an zweiter Stelle liegend selber aus dem Rennen. Man versucht noch, mich am Zählertisch zum Weitermachen zu überreden, aber es ist zwecklos.

Normalerweise gibt es bei einem Stundenlauf kein DNF, aber wenn ich für mich die strengen Kriterien anlege, dann habe ich den Lauf nicht anständig beendet. Wer sich über 100 Minuten vor Ablauf der Zeit von einer solch liebevoll organisierten Veranstaltung verabschiedet, der hat nichts anderes verdient, außer den Titel DNF führen zu dürfen. Jetzt muss ich beweisen inwieweit ich in der Lage bin, gestärkt aus einer persönlichen Niederlage hervorzugehen. Der entscheidende Faktor für den Erfolg ist und bleibt einzig und allein die Disziplin, den Gesundheitszustand mal außen vor gelassen. Jede Nachlässigkeit, egal ob in der Zeit der Vorbereitung oder während eines Wettkampfes, wird gnadenlos abgestraft. Mein Abgang war alles andere als ehrenvoll und sportlich, schämen sollte ich mich dafür. Eine ordentliche Verabschiedung und aufmunternde Worte für die tapferen Läuferinnen und Läufer auf der Strecke wäre das Mindeste gewesen, was ich hätte tun können – der Anstand hätte dies zumindest gefordert. Anstatt dessen habe ich mich feige durch den Hintereingang verpisst und dem Frust freien Lauf gelassen.

Dem Veranstalter und den vielen freundlichen Helfern an der Strecke und hinter den Kulissen möchte ich eines noch mitgeben. Lasst euch von der geringen Resonanz, was die Anmeldezahl anbetrifft, nicht abschrecken. Ihr habt eine wirklich tolle Veranstaltung durchgezogen, die es verdient hat, fortgeführt zu werden. Ich komme gerne wieder, hier nach Amelinghausen – da wo die Runden noch liebevoll von Hand gezählt werden.

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