Leitspruch der
Brocken-Challenge
Von der Gewalt, die alle Wesen
bindet,
befreit der Mensch sich, der sie überwindet.
Johann Wolfgang von Goethe
Der Kotzbrocken - Brocken-Challenge (BC) 2008
Es war am 15.12.2007 als Jens mir den
Vorschlag unterbreitete, ihn bei der Brocken-Challenge zu begleiten.
Brocken-Challenge, hört sich interessant an, dachte ich mir. Nachdem ich
kurz die Eckdaten zur Kenntnis nahm – Doppelmarathondistanz mit gut 2000 zu
überwindenden Höhenmetern durch teils ungespurten Schnee bei widrigen
Wetterverhältnissen – war die Sache so gut wie beschlossen. Keine weiteren
Fragen.

Das ersehnte Ziel: Der Brockengipfel
Die Anreise sollte am Vortag erfolgen, da der Start für 6:00
Uhr in der Frühe angesetzt war. Zur offiziellen Pre-Race-Veranstaltung im
Göttinger Sportinstitut würden wir es nicht pünktlich schaffen, da wir beide
noch einen stundenreichen Arbeitstag zu absolvieren hatten, somit wurde
dieser Teil aus unserem Programm gestrichen. Wir waren kurzfristig bei Frank
Kleinsorg – einem Mitglied des Orga-Teams – untergekommen. Frank hatte im
letzten Jahr die BC in neuer Rekordzeit gefinisht – nebenbei bemerkt in 7h
und 30min. Wobei seine eigentliche Paradedisziplin der Marathon ist, wie er
bemerkte. Seine Zielsetzung für das Jahr 2008 lautet schlicht sub 2:30h! Mit
Hilfe der „nette Dame vom Aldi“, so wie Jens sein Navigationssystem nennt,
sind wir punktgenau in Göttingen gelandet. Thorsten, der Mitbewohner von
Frank, nahm uns direkt vor der Haustür in Empfang und wir bezogen unser
Quartier. Nach einer üppigen Mahlzeit verkroch ich mich dann gegen 23:00 Uhr
in meinen Schlafsack. Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt noch pudelwohl und
hatte keine Ahnung, wie es mir ein paar Stunden später ergehen sollte. Gegen
2:00 Uhr war ich wieder hellwach und musste permanent gegen ein flaues
Gefühl in der Magengegend ankämpfen. Eine Stunde später hatte ich diesen
Kampf verloren und ich befreite mich auf der Toilette von dem scheinbar
überflüssigen Inhalt meines Magens. Dieses Schauspiel sollte sich direkt
nach dem Aufstehen um 4:30 Uhr wiederholen. Mir stand der kalte Schweiß auf
der Stirn und ich versuchte mich unter Kontrolle zu bringen. An ein
Frühstück war absolut nicht zu denken. Schon ein Schluck Cola bereitete
soviel Unbehagen und nahm kurz darauf denselben Weg retour, wie er gekommen
war. Ohne Flüssigkeit und Nahrung ist schlecht mit Laufen, dachte ich mir.
Erstmal anziehen und raus an die frische Luft, dann wird es mir besser
gehen. Ich wollt in meinem Zustand keine Belastung für Jens und Co.
darstellen und ermahnte mich zur Disziplin. Die Zeit drängte, denn mit einem
Mitglied des Organisationsteams im Auto mussten wir pünktlich am Startpunkt
erscheinen. Dort angekommen atmete ich erst einmal kräftig durch und
versuchte mich auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Mit leicht
zittrigen Händen befestigte ich meine Startnummer am Startnummernband.
Langsam keimte wieder Zuversicht auf, nachdem die Flüssigkeit, die ich
schlückchenweise zu mir nahm, dort blieb wo sie angekommen war.

Die gezeigten Fotos hat mir freundlicher Weise
Willem Muetze zur Verfügung gestellt.
Quelle:
http://www.funrunner-heerlen.nl/funrunnersite/index.html
Nach einer kleinen Ansprache schickte uns Organisator Markus
Ohlef auf die 84 kilometerlange Strecke. Anfangs lief ich noch Seite an
Seite mit Jens, aber nach ca. 15 bis 20 km musste ich das gewählte
Anfangstempo weiter reduzieren, um Kraft zu sparen, die nun merklich
nachließ. Ein kleiner Zwischenfall hätte beinahe für ein vorzeitiges Ende
gesorgt. Nachdem ich an einem Verpflegungspunkt meine Trinkflasche
aufgefüllt hatte, muss ich diese beim Einstecken in den Trinkgurt nicht
richtig gesichert haben. Just in dem Moment, in dem ich den Verlust bemerkt
habe, streckte mir ein Radbegleiter meine Trinkflasche entgegen – hab
tausend Dank. Ohne die Möglichkeit, meinem Körper permanent Flüssigkeit
zuzuführen, wäre die Unternehmung für mich definitiv zu Ende gewesen, da ich
zu diesem Zeitpunkt ja bereits mit einem Flüssigkeitsdefizit unterwegs war,
zumal die berühmt berüchtigte „Saftpresse“ noch vor mir lag. Nach dieser
Schrecksekunde bekam ich einen mentalen Schub. Dieses Motivationspolster war
allerdings nach weiteren 10 km komplett aufgebraucht.

Der Salzverlust meines
Körpers machte sich jetzt unbarmherzig bemerkbar. Keine hundert Meter
nachdem ich die dritte Verpflegungsstelle passiert hatte, war der absolute
Tiefpunkt erreicht. Ich konnte nicht weiterlaufen, bin vorn übergebeugt
stehen geblieben und habe versucht die Wadenmuskulatur zu strecken. So ein
Mist, alles verhärtet! Ich bin zurück zum Verpflegungspunkt gestrauchelt und
habe mir salzige Brezeln geben lassen, die ich mir mit viel Flüssigkeit
verabreicht habe. Mein Blick blieb an dem in unmittelbarer Nähe abgestellten
Fahrtzeug des Malteser Hilfsdienstes hängen. Im Innenraum kauerten mehrer
Mitglieder dieser Vereinigung in Schlafhaltung. Auf der einen Seite war die
Verlockung sehr groß, sich dazuzugesellen und den Lauf hier und jetzt
abzubrechen. Auf der anderen Seite war diese Vorstellung aber auch sehr
abschreckend. Sollte es mir etwa besser gehen, wenn ich stundenlang in
diesem Kleinbus ausharren musste. Letztendlich würde ich durch die Gegend
gefahren und dürfte der Ankunft einer Schar von erschöpften, aber
endorphindurchfluteten Läufer auf dem Brocken beiwohnen. Ich glaube, es gibt
nichts frustrierenderes, als sich das anzutun. Es gab nur eine Möglichkeit,
sich derartiges zu ersparen – also bloß weiter! Wer dem Druck einer
Krisensituation nicht standhält, der wird im Anschluss eine noch größere
Krise durchstehen müssen. Dieser Tatsache muss man sich bewusst sein.

So habe ich mich langsam wieder auf den Weg gemacht, mit
respektvollen 50 km vor der Brust. In so einem Moment ist es wichtig, sich
Etappenziele zu setzen. Ich habe mich von Verpflegungspunkt zu
Verpflegungspunkt so durchgeschleppt. Jeder hinter einem liegende Meter muss
als Erfolg interpretiert werden, jeder einzelne Schritt als Teil einer
Strategie verstanden werden. Der Körper hatte sich langsam im Laufe des
Tages erholt, ich fühlte mich zunehmend besser. Mit jedem Meter, mit dem ich
mich dem Ziel näherte, wuchs die Gewissheit, dies auch zu erreichen.
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Die letzten Kilometer lagen irgendwann vor mir – die Rampe mit einer
Steigung bis 48%. Der Vorteil bei dieser Rampe ist, dass man die ganze
Pracht nicht auf einmal dargeboten bekommt, sondern diese häppchenweise
serviert wird. Nach jeder Biegung wartet eine neue Teilaufgabe, insgeheim
mit der Hoffnung verbunden, dass dies nun endgültig die letzte sein wird. Je
höher ich mich diese Rampe empor gearbeitet habe, desto grandioser wurde der
Ausblick von dort oben. Die untergehende Abendsonne tat ihr Übriges, um
diesen Momenten die nötigen Aufmerksamkeit zu widmen. Der Ehrgeiz hatte mich
schließlich noch mal gepackt. Ich wollte die letzten Kilometer durchlaufen,
sei der Weg auch noch so steil. Bis auf wenige Ausnahmen ist mir dies auch
gelungen. Ich befand mich kurz vor dem Ziel in der besten Verfassung des
Tages.
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Nach 11 Stunden und 21 Minuten war der Kampf endlich vorbei,
der (Kotz-)Brocken war besiegt. Was ich bereits nach 30 Kilometern nicht
mehr für möglich gehalten hatte, ist mir nun doch noch geglückt. Die Freude
und Zufriedenheit über das Erreichte traten in den Vordergrund und ließen
die benötigte Zeit zur Nebensächlichkeit verkümmern. Auch die kalte Dusche
im Anschluss – für warmes Wasser musste man sub 9h gelaufen sein – konnte
den Gesamteindruck nicht schmälern. Mit dieser bewältigten Aufgabe habe ich
mir die Messlatte für zukünftige Herausforderungen wieder um ein paar
Zentimeter höher aufgelegt. Obwohl die Latte diesmal kräftig gewackelt hat
und mich ein DNF (did not finish) auf Schritt und Tritt verfolgt hat, habe
ich meine Vorstellung, von dem was für mich machbar ist, im positiven Sinne
revidieren müssen. Nicht zuletzt haben auch die überaus angenehmen
Wetterbedingungen an jenem Tag ihren Teil dazu beigetragen, ein aufkeimendes
Desaster zu vereiteln und doch noch ein Erfolgserlebnis zu schmieden. Ich
kann mir gut vorstellen, im nächsten Jahr erneut anzutreten, um dem Brocken
zu Leibe zu rücken und eine obligatorische Zeitkorrektur vorzunehmen – dann
aber hoffentlich ohne Handicap.
Das letzte Foto zeigt eine Gruppe von Teilnehmern kurz vor
der Rampe. Einige von ihnen haben mich ein Stück begleitet - vielen Dank,
ohne Euch hätte ich es vermutlich nicht geschafft!

Man sieht sich, da bin ich mir sicher :-)