Ein Stadtmarathon vor fast einer
Million Zuschauer, das ist immer wieder etwas Besonderes, auch wenn ich mich
vom Grundsatz her bei den mit viel Liebe vorbereiteten kleineren
Landschaftsläufen wohler fühle. Aber gerade dieser Karstadt (Ruhr)Marathon ruft im mir ganz besondere
Erinnerungen wach. Nachdem meine Teilnahme an der Debüt-Veranstaltung im
Jahr 2003 durch einen überaus pflichtbewussten Internisten vereitelt wurde,
durfte ich im darauffolgenden Jahr endlich meinen ersten Marathon laufen.
Die normalerweise empfohlenen Vorbereitungswettkämpfe auf der
„Sprintstrecke“ (10 km & Halbmarathon) habe ich unvernünftiger Weise
ausgelassen und mich direkt in das Abenteuer Marathon gestürzt. Zu dieser
zurückliegenden Veranstaltung sei nur soviel gesagt: Ich wurde direkt nach
dem Lauf von einem einwöchigen Runner´s High ergriffen. Ein Gefühl, welches
ich danach in der Intensität nicht mehr erlebt habe. Ich muss sagen, im
Nachhinein war die Vernunftsentscheidung, noch ein Jahr zu warten, die
goldrichtige gewesen. Eine zielgerichtete Vorbereitung kann den ersten
Marathon zu einem unvergesslichen Erlebnis heraufstufen, und so ein Debakel
verhindern. So hatte ich meine Lektion gelernt, um gleich im Anschluss einen
folgenschweren Fehler zu begehen. Aus diesem Hochgefühl heraus - ich kann
Bäume ausreißen - hatte ich mir die Messlatte für den ersten Ultramarathon
(100 km) zu hoch aufgelegt. Ich lernte nun die Kehrseite der Medaille auf
eine sehr schmerzhafte Art und Weise kennen. Danach wusste ich dann, was
genau mit der Ultralaufweißheit gemeint war: „Nicht die Strecke tötet,
sondern die Geschwindigkeit.“ Der Erfahrungsschatz setzt sich sowohl aus
Erfolgserlebnissen, als auch aus Negativerlebnissen zusammen. Mit dieser
Betrachtungsweise lässt sich auch einem DNF - did not finished - noch etwas
positives abgewinnen. Erfahrung ist bekannterweise durch nichts zu
ersetzten, außer durch noch mehr Erfahrung.
Nun aber zurück zum 4. Karstadt Marathon Mai 2007. Die
Confirmation des Veranstalters flatterte in meinen Briefkasten, als ich die
Vorbereitung so gut wie abgeschlossen hatte. Die Strategie bestand diesmal
aus Plan A und Plan B. Ich arbeite gerne mit einem Konzept in der Tasche. Es
sei an dieser Stelle verraten, es gab da auch noch einen Plan C. Es ist sehr
wichtig, seine eigene Erwartungshaltung der Realität anzupassen, um eine
Enttäuschung höheren Grades zu vermeiden.
Meine Zielsetzung hatte ich im Plan A manifestiert, dieser
sah vor, eine bestimmte Zielzeit zu erreichen. Ausgehend von diesem Ziel
hatte ich mir im Internet einen entsprechenden Trainingsplan runtergeladen.
Ich habe diesen Plan dann tatsächlich auch noch ausgedruckt. Dabei ist es
dann letztendlich geblieben. Eine Umsetzung konnte ich aufgrund einer
Sehnenreizung nicht konsequent fortführen. Es mangelte von Anfang an am
erforderlichen Tempotraining. Wenn die vielen langen Vorbereitungsläufe mit
einem Hauptgericht gleichzusetzen sind, dann ist das Tempotraining das
passende Gewürz, um sich den Hauptgang schmackhaft zu gestalten. Die Garzeit
für diese Komposition hatte ich erstmals mit kapp unter drei Stunden
angesetzt. Fehlt diese eine Kleinigkeit, dann helfen einem auch die besten
Zutaten nicht weiter. Aus diesem Grund musste ich den Plan A mit einem
Fragezeichen versehen. Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass ich es nicht
probieren würde. Sollte allerdings mein intuitives Frühwarnsystem auslösen,
dann käme sofort Plan B zum Einsatz. Der Plan B war daraus ausgerichtet eine
neue persönliche Bestzeit (PB) zu erlaufen. Dieses Ziel ist somit auch
Bestandteil von Plan A, allerdings mit einer anderen Qualität - soweit die
Theorie.
Der Wecker war auf 5:00 Uhr eingestellt, er kam seiner
Verpflichtung ohne Probleme nach und gab zu der besagten Uhrzeit einen
erwartungsgemäß unangenehmen Ton von sich. Ich nahm dieses Geräusch sofort
in mich auf, da ich bereits wach auf dem Bett lag. Ein leichter Krampf in
der linken Wade macht dem Schlaf kurz zuvor ein jähes Ende. Na ja, der Tag
beginnt traumhaft dachte ich, also raus aus den Federn. Der Morgen ist jung.
Ich pflegte das zu tun, was ich jeden Morgen zu tun pflegte. Ich setzte eine
große schwarze Kanne Kaffee an und folgte meinem Motto: „Erst mal eine Tasse
Kaffe, danach sieht die Welt wieder anders aus.“ Der Rest war Routine. Ich
folgte dem zuvor festgelegten Ablauf, bis ich schließlich abmarschbereit vor
Nervosität auf der Stelle trippelte und auf meinen Fahrer wartete.

Aufbruchstimmung: rechts mein "Fahrer"
Jens
Für den Fahrdienst zum Startbereich in Dortmund hatte sich
Jens Vieler - seines Zeichens Marathon des Sables-Finisher,
Deutschlandläufer und 6-Tageläufer in spe - freundlicherweise angeboten.
Eine nette Geste, die ich gerne angenommen habe. Ich wollte Jens eigentlich
am darauffolgenden Wochenende bei seinem Eigeninitiativ-Ultralauf „TorTour
de Ruhr“ auf dem Rad und im weiteren Verlauf per pedes begleiten. Dieser ist
aber verletzungsbedingt um zwei Wochen in den Juni hinein verschoben worden.
Ich muss gestehen, dass mir diese Terminverschiebung nicht ungelegen kommt,
so verlängert sich die Regenerationszeit nach dem Marathon für mich.
Gesprächsstoff gab es also auf der gut dreißig Minuten dauernden Anfahrt zu
genüge.
Ich bin sehr gespannt, wie sich das Projekt „TorTour de Ruhr“
entwickeln wird. Diese 230 Kilometer wollen erstmal gelaufen werden, und das
schließlich nonstop. Wenn alles planmäßig verläuft, dann wird Jens den Lauf
eventuell im nächsten Jahr als Organisator auch für andere Ultraverrückte
anbieten. Ich könnte mir zumindest vorstellen, dann dabei zu sein. Die Liste
der „self-supporting running people“ ist beachtlich. Ich befürchte, das
Potential ist vorhanden. Es gibt bereits konkrete Anfragen von Läufern für
das Jahr 2008, die die komplette Bandbreite ihrer Leidensfähigkeit auskosten
möchten. Neugierige können sich auf der eigens für den Lauf erstellten
Webseite informieren. Vielleicht hat dieser Lauf ja sogar das Zeug, zu einem
Ultraklassiker zu avancieren - zumindest im Ruhrgebiet. Wer sich schlau
machen möchte, bitte schön… www.tortourderuhr.de
Mit einem Navigationssystem ist heutzutage alles ganz einfach
geworden. So konnte Jens mich ca. 200 m entfernt vom Startbereich absetzen,
ohne sich in einem patentgefalteten Stadtplan zu verfangen. Man darf die
Anreise zu solch einem Großereignis nicht unterschätzen. Es ist ein
Riesenvorteil, wenn man sich als Läufer ausschließlich auf den Lauf
konzentrieren kann. Der Lauf beginnt bereits vor dem offiziellen
Startschuss, das sollte man nicht vergessen. Der Stress schleicht sich
nahezu unbemerkt an.
So kurz vor dem Start gibt es da noch ein mehr oder weniger
großes Probleme zu lösen. Gemeint ist, das richtige Timing zwischen
Flüssigkeitsaufnahme und deren Abgabe zu finden, unter Berücksichtigung des
Countdown-Timers und der immer länger werdenden Schlangen vor den
schnuckeligen Dixihäuschen. Wobei man dem diametralen Zusammenhang von
verbleibender Zeit (min) und Länge der Schlange (m) rechtzeitig Beachtung
schenken sollte.
Es war so weit, die Abtrennung zwischen den verschiedenen
Startblöcken wurde entfernt. Instinktiv rückt das Feld nach vorne auf. Die
Läufermasse kennt nur noch eine Richtung, wie von einer unsichtbaren Kraft
beeinflusst zieht es sie alle zum Start. Dicht gedrängt steht man da, den
Atem von seinen Hintermann(frau) kann man im Nacken spüren. Countdown,
Startschuss los! Die Masse setzt sich in Bewegung und die Straße wird mit
einem Heer von Läuferscharen geflutet.
Bereits nach zwei zurückgelegten Kilometern merkte ich, dass
sich die Flüssigkeitsaufnahme und deren Abgabe noch nicht im Gleichgewicht
befanden. Ich muss! Da hilft alles nichts, raus aus dem Feld und dann laufen
lassen. Besser jetzt, wo noch so etwas wie ein Gebüsch in der Nähe war. Ein
paar Meter von mir entfernt zogen die Massen an mir vorbei. Mit dem Rücken
zu Geschehen versuchte ich mich schnellstmöglich von diesem aufgestauten
Ballast zu befreien. Es bot sich eine interessante Geräuschkulisse. So, oder
so ähnlich muss es wohl beim Stiertreiben im Pamplona zugehen. Ich wollte
erst gar keine Überlegungen darüber anstellen, wie viele Plätze ich gerade
eingebüßt hatte. Wieder langsam eingliedern und weiter geht´s. Der Kopf war
nun frei, um sich voll und ganz auf den Rhythmus des Laufens konzentrieren
zu können.

On the road again...
Der Rhythmus, bei dem man mit muss. Immer wieder konnte ich
beobachten, wie Läufer, die ich zuvor schon überholt hatte, beflügelt durch
die heißen Sambarhythmen und die Gänsehautatmosphäre, quasi an mir vorbei
flogen. In den meisten Fällen ein Vergnügen mit einer recht kurzen
Halbwertszeit. Es ist eine Gratwanderung auf den Wogen der Begeisterung,
motiviert durch diese Atmosphäre, das maximale Leistungsvermögen abzurufen.
Sehr leicht lässt sich hier der Bogen überspannen. Die leicht bekleideten
brasilianischen Damen haben die Herzfrequenz so mancher Läufer zusätzlich
nach oben korrigiert und diese damit in den anaeroben Belastungsbereich
abdriften lassen. Dieser Effekt wurde natürlich von den Routiniers auf der
Strecke kaltblütig ausgenutzt. Es scheint mir in diesem Fall gelungen zu
sein, dem Gruppenzwang zu widerstehen. Ich habe mich konsequent auf meine
innere Stimme verlassen, und im Zweifelsfall ein Blick auf die Uhr riskiert.
Allerdings nach der Halbmarathondistanz stand bereits fest, von Plan A
konnte ich mich so langsam aber sicher verabschieden. Wenn man mit so einer
Zielsetzung an den Start geht, dann muss für eine erfolgreiche Umsetzung
jedes Detail stimmen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht genau sagen,
woran es letztendlich gescheitert ist. Ich konzentrierte mich sofort auf
Plan B (zur Erinnerung: neu PB).