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Story: © Pete(r) Haarmann

   

Veröffentlicht: 16.11.2007

     
Titel:  Marathon-Day bei Karstadt:
   Eine Region in Bewegung
   2. überarbeitete Fassung
Autor:  Pete(r) Haarmann
Datum:  19.05.2007
     

Marathon-Day bei Karstadt: Eine Region in Bewegung
- Über den Versuch, sich selbst zu übertreffen -


Messe Essen: Startunterlagen abholen

Ein Bericht von Pete(r) Haarmann zum „Marathon-Day“ bei Karstadt

Ein Stadtmarathon vor fast einer Million Zuschauer, das ist immer wieder etwas Besonderes, auch wenn ich mich vom Grundsatz her bei den mit viel Liebe vorbereiteten kleineren Landschaftsläufen wohler fühle. Aber gerade dieser Karstadt (Ruhr)Marathon ruft im mir ganz besondere Erinnerungen wach. Nachdem meine Teilnahme an der Debüt-Veranstaltung im Jahr 2003 durch einen überaus pflichtbewussten Internisten vereitelt wurde, durfte ich im darauffolgenden Jahr endlich meinen ersten Marathon laufen. Die normalerweise empfohlenen Vorbereitungswettkämpfe auf der „Sprintstrecke“ (10 km & Halbmarathon) habe ich unvernünftiger Weise ausgelassen und mich direkt in das Abenteuer Marathon gestürzt. Zu dieser zurückliegenden Veranstaltung sei nur soviel gesagt: Ich wurde direkt nach dem Lauf von einem einwöchigen Runner´s High ergriffen. Ein Gefühl, welches ich danach in der Intensität nicht mehr erlebt habe. Ich muss sagen, im Nachhinein war die Vernunftsentscheidung, noch ein Jahr zu warten, die goldrichtige gewesen. Eine zielgerichtete Vorbereitung kann den ersten Marathon zu einem unvergesslichen Erlebnis heraufstufen, und so ein Debakel verhindern. So hatte ich meine Lektion gelernt, um gleich im Anschluss einen folgenschweren Fehler zu begehen. Aus diesem Hochgefühl heraus - ich kann Bäume ausreißen - hatte ich mir die Messlatte für den ersten Ultramarathon (100 km) zu hoch aufgelegt. Ich lernte nun die Kehrseite der Medaille auf eine sehr schmerzhafte Art und Weise kennen. Danach wusste ich dann, was genau mit der Ultralaufweißheit gemeint war: „Nicht die Strecke tötet, sondern die Geschwindigkeit.“ Der Erfahrungsschatz setzt sich sowohl aus Erfolgserlebnissen, als auch aus Negativerlebnissen zusammen. Mit dieser Betrachtungsweise lässt sich auch einem DNF - did not finished - noch etwas positives abgewinnen. Erfahrung ist bekannterweise durch nichts zu ersetzten, außer durch noch mehr Erfahrung.

Nun aber zurück zum 4. Karstadt Marathon Mai 2007. Die Confirmation des Veranstalters flatterte in meinen Briefkasten, als ich die Vorbereitung so gut wie abgeschlossen hatte. Die Strategie bestand diesmal aus Plan A und Plan B. Ich arbeite gerne mit einem Konzept in der Tasche. Es sei an dieser Stelle verraten, es gab da auch noch einen Plan C. Es ist sehr wichtig, seine eigene Erwartungshaltung der Realität anzupassen, um eine Enttäuschung höheren Grades zu vermeiden.

Meine Zielsetzung hatte ich im Plan A manifestiert, dieser sah vor, eine bestimmte Zielzeit zu erreichen. Ausgehend von diesem Ziel hatte ich mir im Internet einen entsprechenden Trainingsplan runtergeladen. Ich habe diesen Plan dann tatsächlich auch noch ausgedruckt. Dabei ist es dann letztendlich geblieben. Eine Umsetzung konnte ich aufgrund einer Sehnenreizung nicht konsequent fortführen. Es mangelte von Anfang an am erforderlichen Tempotraining. Wenn die vielen langen Vorbereitungsläufe mit einem Hauptgericht gleichzusetzen sind, dann ist das Tempotraining das passende Gewürz, um sich den Hauptgang schmackhaft zu gestalten. Die Garzeit für diese Komposition hatte ich erstmals mit kapp unter drei Stunden angesetzt. Fehlt diese eine Kleinigkeit, dann helfen einem auch die besten Zutaten nicht weiter. Aus diesem Grund musste ich den Plan A mit einem Fragezeichen versehen. Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass ich es nicht probieren würde. Sollte allerdings mein intuitives Frühwarnsystem auslösen, dann käme sofort Plan B zum Einsatz. Der Plan B war daraus ausgerichtet eine neue persönliche Bestzeit (PB) zu erlaufen. Dieses Ziel ist somit auch Bestandteil von Plan A, allerdings mit einer anderen Qualität - soweit die Theorie.

Der Wecker war auf 5:00 Uhr eingestellt, er kam seiner Verpflichtung ohne Probleme nach und gab zu der besagten Uhrzeit einen erwartungsgemäß unangenehmen Ton von sich. Ich nahm dieses Geräusch sofort in mich auf, da ich bereits wach auf dem Bett lag. Ein leichter Krampf in der linken Wade macht dem Schlaf kurz zuvor ein jähes Ende. Na ja, der Tag beginnt traumhaft dachte ich, also raus aus den Federn. Der Morgen ist jung. Ich pflegte das zu tun, was ich jeden Morgen zu tun pflegte. Ich setzte eine große schwarze Kanne Kaffee an und folgte meinem Motto: „Erst mal eine Tasse Kaffe, danach sieht die Welt wieder anders aus.“ Der Rest war Routine. Ich folgte dem zuvor festgelegten Ablauf, bis ich schließlich abmarschbereit vor Nervosität auf der Stelle trippelte und auf meinen Fahrer wartete.


Aufbruchstimmung: rechts mein "Fahrer" Jens

Für den Fahrdienst zum Startbereich in Dortmund hatte sich Jens Vieler - seines Zeichens Marathon des Sables-Finisher, Deutschlandläufer und 6-Tageläufer in spe - freundlicherweise angeboten. Eine nette Geste, die ich gerne angenommen habe. Ich wollte Jens eigentlich am darauffolgenden Wochenende bei seinem Eigeninitiativ-Ultralauf „TorTour de Ruhr“ auf dem Rad und im weiteren Verlauf per pedes begleiten. Dieser ist aber verletzungsbedingt um zwei Wochen in den Juni hinein verschoben worden. Ich muss gestehen, dass mir diese Terminverschiebung nicht ungelegen kommt, so verlängert sich die Regenerationszeit nach dem Marathon für mich. Gesprächsstoff gab es also auf der gut dreißig Minuten dauernden Anfahrt zu genüge.

Ich bin sehr gespannt, wie sich das Projekt „TorTour de Ruhr“ entwickeln wird. Diese 230 Kilometer wollen erstmal gelaufen werden, und das schließlich nonstop. Wenn alles planmäßig verläuft, dann wird Jens den Lauf eventuell im nächsten Jahr als Organisator auch für andere Ultraverrückte anbieten. Ich könnte mir zumindest vorstellen, dann dabei zu sein. Die Liste der „self-supporting running people“ ist beachtlich. Ich befürchte, das Potential ist vorhanden. Es gibt bereits konkrete Anfragen von Läufern für das Jahr 2008, die die komplette Bandbreite ihrer Leidensfähigkeit auskosten möchten. Neugierige können sich auf der eigens für den Lauf erstellten Webseite informieren. Vielleicht hat dieser Lauf ja sogar das Zeug, zu einem Ultraklassiker zu avancieren - zumindest im Ruhrgebiet. Wer sich schlau machen möchte, bitte schön… www.tortourderuhr.de

Mit einem Navigationssystem ist heutzutage alles ganz einfach geworden. So konnte Jens mich ca. 200 m entfernt vom Startbereich absetzen, ohne sich in einem patentgefalteten Stadtplan zu verfangen. Man darf die Anreise zu solch einem Großereignis nicht unterschätzen. Es ist ein Riesenvorteil, wenn man sich als Läufer ausschließlich auf den Lauf konzentrieren kann. Der Lauf beginnt bereits vor dem offiziellen Startschuss, das sollte man nicht vergessen. Der Stress schleicht sich nahezu unbemerkt an.

So kurz vor dem Start gibt es da noch ein mehr oder weniger großes Probleme zu lösen. Gemeint ist, das richtige Timing zwischen Flüssigkeitsaufnahme und deren Abgabe zu finden, unter Berücksichtigung des Countdown-Timers und der immer länger werdenden Schlangen vor den schnuckeligen Dixihäuschen. Wobei man dem diametralen Zusammenhang von verbleibender Zeit (min) und Länge der Schlange (m) rechtzeitig Beachtung schenken sollte.

Es war so weit, die Abtrennung zwischen den verschiedenen Startblöcken wurde entfernt. Instinktiv rückt das Feld nach vorne auf. Die Läufermasse kennt nur noch eine Richtung, wie von einer unsichtbaren Kraft beeinflusst zieht es sie alle zum Start. Dicht gedrängt steht man da, den Atem von seinen Hintermann(frau) kann man im Nacken spüren. Countdown, Startschuss los! Die Masse setzt sich in Bewegung und die Straße wird mit einem Heer von Läuferscharen geflutet.

Bereits nach zwei zurückgelegten Kilometern merkte ich, dass sich die Flüssigkeitsaufnahme und deren Abgabe noch nicht im Gleichgewicht befanden. Ich muss! Da hilft alles nichts, raus aus dem Feld und dann laufen lassen. Besser jetzt, wo noch so etwas wie ein Gebüsch in der Nähe war. Ein paar Meter von mir entfernt zogen die Massen an mir vorbei. Mit dem Rücken zu Geschehen versuchte ich mich schnellstmöglich von diesem aufgestauten Ballast zu befreien. Es bot sich eine interessante Geräuschkulisse. So, oder so ähnlich muss es wohl beim Stiertreiben im Pamplona zugehen. Ich wollte erst gar keine Überlegungen darüber anstellen, wie viele Plätze ich gerade eingebüßt hatte. Wieder langsam eingliedern und weiter geht´s. Der Kopf war nun frei, um sich voll und ganz auf den Rhythmus des Laufens konzentrieren zu können.


On the road again...

Der Rhythmus, bei dem man mit muss. Immer wieder konnte ich beobachten, wie Läufer, die ich zuvor schon überholt hatte, beflügelt durch die heißen Sambarhythmen und die Gänsehautatmosphäre, quasi an mir vorbei flogen. In den meisten Fällen ein Vergnügen mit einer recht kurzen Halbwertszeit. Es ist eine Gratwanderung auf den Wogen der Begeisterung, motiviert durch diese Atmosphäre, das maximale Leistungsvermögen abzurufen. Sehr leicht lässt sich hier der Bogen überspannen. Die leicht bekleideten brasilianischen Damen haben die Herzfrequenz so mancher Läufer zusätzlich nach oben korrigiert und diese damit in den anaeroben Belastungsbereich abdriften lassen. Dieser Effekt wurde natürlich von den Routiniers auf der Strecke kaltblütig ausgenutzt. Es scheint mir in diesem Fall gelungen zu sein, dem Gruppenzwang zu widerstehen. Ich habe mich konsequent auf meine innere Stimme verlassen, und im Zweifelsfall ein Blick auf die Uhr riskiert. Allerdings nach der Halbmarathondistanz stand bereits fest, von Plan A konnte ich mich so langsam aber sicher verabschieden. Wenn man mit so einer Zielsetzung an den Start geht, dann muss für eine erfolgreiche Umsetzung jedes Detail stimmen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht genau sagen, woran es letztendlich gescheitert ist. Ich konzentrierte mich sofort auf Plan B (zur Erinnerung: neu PB).

„Du hast die Haare schön.“ Diese Worte schnappte ich in Gelsenkirchen auf, als ich eine größere Zuschauergruppe passierte. Ob die mich gemeint haben? Ich kontrollierte bei der nächsten Gelegenheit sofort meine Haarpracht mit Hilfe meines Spiegelbildes in einer Schaufensterscheibe. Manchmal sieht meine Frisur, durchdrungen von einer klebrigen Mischung aus Schweiß, Salz und diversen Erfrischungsgetränken, wie selbstgemacht aus. Der "Fahrtwind" tut sein übriges dazu. Sieht doch alles halb so schlimm aus. Ich weiß gar nicht was die haben?

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Sequenz: Zielgerade

Meine „Achillessehne“ ist mein Oberschenkel. Ich hatte da eine beängstigende Vision vor Augen. Ich befand mich bereits auf dem „Flamme rouge“, als meine hintere linke Oberschenkelmuskulatur von Krämpfen heimgesucht wurde und mich auf den letzten Metern zum Walken animierte. Nur zu gut waren die Erinnerungen aus der Vergangenheit in meinem Kopf aufgehoben. Aber diesmal ging alles gut! Geschafft, neu persönliche Bestzeit über 42,195 km. Mein Kompliment an dieser Stelle gilt dem fantastischen Publikum an der Strecke, das einem Hobbysportler wie mir ein Gefühl vermitteln konnte, wie es sonst nur die Profis erleben dürfen. Die absolute Krönung wäre gewesen, wenn sich der Marathonlauf nahtlos in die Meisterfeier der Schalkefans hätte integrieren können. Leider wurde diese Möglichkeit von den Nachbarn aus Dortmund am vorletzten Spieltag zunichte gemacht. Der Pott kocht. Eine Region in Bewegung. Es herrscht eine ganz besondere Atmosphäre hier im Ruhrgebiet. Ich lebe und laufe gerne hier, hier im Revier.

Ist das Ziel schlussendlich erreicht, stellt man sich kurz darauf die Frage: Ist nicht der Weg bereits das Ziel gewesen, und ist nicht das Ende eines jeden Weges bereits der Anfang eines neuen Weges? Wie auch immer das Ziel heißen mag (Plan A, B oder C), der nächste Marathon kommt bestimmt. Ich kann ihn schon riechen.

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Umkleidekabine: Hauptbahnhof Essen - Pete mit Finisher-Shirt :-)

Stichwort Finisher-Shirt: Der einzige Tag an dem ich den Fummel ungeniert trage, ist der Tag, an dem ich es ausgehändigt bekomme. Ansonsten ist es wegen des dezenten Aufdrucks im Brustbereich nur als Unterhemd zu gebrauchen. Die Rückseite finde ich schöner...


Vielleicht auch wieder 2008 ! ?

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